Offener Brief an das Präsidium

Sehr geehrtes Präsidium,

mit Erstaunen haben wir erfahren, dass das Präsidium der Leibniz
Universität Hannover (LUH), zwei studentisch-organisierten Seminaren die
Unterstützung durch Mittel aus Studienqualitätsmitteln versagt. Es
handelt sich dabei um einen kurdischen Sprachkurs und einen Lesekreis
zum Buch „Zivilisation und Wahrheit“ von Abdullah Öcalan.

Auf Nachfrage wurde Ihre Entscheidung damit begründet, dass es sich bei
den Seminaren um propagandistische Veranstaltungen handeln könnte.
Hierbei wurde ein Vergleich zum letztjährigen Streit um ein
Palästina-Seminar an der HAWK Hildesheim gezogen. Im Unterschied zu
diesem gab es hier jedoch weder Beschwerden durch Studierende, noch eine
inhaltliche Prüfung. Dieser Vorwurf wird entschieden zurückgewiesen.

Bei dem Sprachkurs handelt es sich um den Versuch eine Sprache zu
vermitteln, die im Mittleren Osten über lange Zeit verboten war, und
damit um eine sinnvolle Erweiterung des Lehrplans und des begrenzten
Fremdsprachenangebots des LUH. Ohne Anhaltspunkte unterstellen Sie
jedoch dem Sprachkurs eine verborgene, propagandistische Absicht. Diese
Herangehensweise ist schon deshalb zynisch, weil sie nach derselben
Logik verfährt, nach der diese Sprache und Kultur ursprünglich verboten
wurde: „Ein Kurde könnte ein Terrorist, ein Verräter sein“. Damit
stellen Sie sich als Präsidium der LUH (unbewusst) in eine traurige und
immer noch aktuelle Tradition von Rassismus und Verfolgung von
Kurd*innen im Mittleren Osten und der Türkei.

Auch der Lesekreis dient keinem anderen Zweck als sich in Form einer
kritischen Lektüre mit den Ideen von Abdullah Öcalan zur Entstehung der
Zivilisation zu beschäftigen. Wir halten es für ein bedenkenswertes
Wissenschaftsverständnis, wenn kritische Auseinandersetzung mit
Literatur und Analysen als Propaganda eingeordnet wird. Bei den Büchern
von Öcalan handelt es sich um einflussreiche und wissenschaftliche
Werke, auch wenn man deren Inhalt nicht für richtig befinden muss. Eine
Auseinandersetzung im universitären Rahmen scheint aber auch für die LUH
bislang kein Problem dargestellt zu haben. So wurden in den vergangenen
Jahren bereits drei studentische Seminare zu, bzw. mit Öcalans Büchern
veranstaltet und durch das Präsidium genehmigt, ohne, dass diese negativ
aufgefallen wären. Verschiedene Werke von Abdullah Öcalan können zudem
in der Universitätsbibliothek ausgeliehen werden. Darüber hinaus wollen
wir daran erinnern, dass ein studentisches Projekt erst beantragt werden
kann, wenn es von einem wissenschaftlich tätigen Mitarbeiter der
Universität als tauglich empfunden wurde. Dies ist auch bei diesem
Seminar geschehen.

Wir verurteilen die inhaltliche Zensur der selbstorganisierten,
studentischen Lehre, die durch die Entscheidungen des Präsidiums
stattfindet und fordern das Präsidium zu einem Umdenken, sowie der
Revidierung der Entscheidung auf.

Unterzeichnet durch:

YXK Hannover
AStA der Universität Hannover
Studentische Senator*innen der Universität Hannover

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